Focus Stacking

Hier diskutieren die Anwender von PhotoLine untereinander
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der_fotograf
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Focus Stacking

Post by der_fotograf »

Ich habe heute mal mit dem »Focus Stacking« gespielt, d.h. diverse Aufnahmen (mit Stativ!) und einer »wandernden« Schärfeebene. Das Objekt meiner Begierde war die Blüte einer ganz normalen Zwiebel (Allium Cepa) in meinem Garten mit einer Grösse von etwas mehr als einem Golfball. Oder wie einem Hühnerei in der Grösse L.

Aufnahmedaten: Brennweite 105 mm, f=16, t=1/100 sec mit ISO 200. Blende 16, weil dann bei dem Sensor kaum Beugungsfehler auftreten (die schlagen erst bei höherer Pixeldichte zu). Alle 6 Fotos dann als TIFF @ 16/48 bit entwickelt und mit PhotoLine -> Filter -> Digital Camera -> Focus Stacking geladen. Der erste Versuch sah nicht so ganz sauber aus, erst als ich die Werte geändert hatte, sah es super aus.
Screenshot 2021-07-12 at 12.54.43.jpg
Sind die Optionen im neuen Handbuch schon erläutert?

Mask Smooth Radius: 5
Filter Radius: 6
Max Level: 8

Image

Etwas grösser und schärfer gibt es das Foto hier: https://freeimage.host/i/oRspSe

Nein, das ist keine Studio-Aufnahme, ja, so etwas kann jeder mit einer relativ modernen Kamera machen. Nein, ich habe das Objekt nicht in der Nachbearbeitung freigestellt, ich habe auch keinen neuen Hintergrund eingezogen und auch keine Masken oder das Lasso verwendet.

Was mich allerdings etwas irritiert hat: Ich hatte nach dem Stacking ein Dokument und kein Bild. Wenn ich die Einzelbilder im Stack gruppiert hatte, wurde das Dokumenten- & Bildformat vergrössert und ich konnte kein Bild aus dem Dokument generieren. Hatte ich den Stack gelöscht, konnte ich das Bild über »Document Attributes« in ein Bild wandeln. Irgendwie was das etwas kompliziert — mit dem Dokumentenmodus bin ich noch nie klargekommen.

Was mir noch aufgefallen ist: Das finale Bild liegt als 32 bit HDR vor, was ja Sinn macht, jedoch sollte man vor dem Speichern als TIFF die Farbtiefe unter »Layer Attributes« auf 16 bit setzen, sonst sieht das komisch und total überbelichtet aus (was logisch ist).

Kurz und gut: Das Focus Stacking ist eine starke Funktion für die Fälle, in denen man mehr Schärfentiefe haben möchte. Das funktioniert allerdings nur bei statischen Motiven (Windstille!) oder im Studio.

Wenn Interesse besteht, dass ich mehr zur Aufnahme schreibe, einfach fragen.
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mzl2000
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Re: Focus Stacking

Post by mzl2000 »

Danke für die wunderschöne Aufnahme und die Tipps. Ich frage mich bei folgendem Zitat, warum der Hintergrund fehlt. Ist das eine Funktion der Kamera? Welche Kamera hast Du verwendet?
Nein, das ist keine Studio-Aufnahme, ja, so etwas kann jeder mit einer relativ modernen Kamera machen. Nein, ich habe das Objekt nicht in der Nachbearbeitung freigestellt, ich habe auch keinen neuen Hintergrund eingezogen und auch keine Masken oder das Lasso verwendet.
Bin gespannt auf die Antworten!

Herzliche Grüße
Burkhard
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der_fotograf
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Re: Focus Stacking

Post by der_fotograf »

Also, der Hintergrund fehlt nicht, er ist einfach nur schwarz. Zwei Kapa-Platten mit Gaffa-Tape an der langen Seite verbunden, dass ich sie über Eck oder als V aufstellen kann. Die Linke Platte Richtung Sonne (siehe Zeichnung unten), die rechte hinter die Zwiebelblüte, sodass sie von der linken abgeschattet wird. Entfernung Kamera - Blüte ca. 46 cm (kein Makroobjektiv), die Platte rund 100 cm hinter der Blüte. Obendrauf noch eine schwarze Kapa-Platte, damit kein Sonnenlicht auf die hintere Platte fällt. In diesem Fall brauchte ich noch eine weitere Platte, um ein Fenster abzuschatten, das das Sonnenlicht genau auf die hintere Pappe reflektiert hatte.

Die schwarzen Kapa-Platten sind leider nicht richtig schwarz (schwarze Fotokartons auch nicht), d.h. sobald Licht darauf fällt, werden sie grau. Den grossen Abstand zum Objekt wegen des »inverse square law« (Licht nimmt mit der Entfernung im Quadrat ab — salopp gesprochen). Beispiel: der Hintergrund ist 20 cm vom Objekt entfernt = 1. Bei 40 cm sind es schon 1/2x2 (=¼), bei 80 cm 1/4x4 (=1/16), etc. Mit dem Abstand kann ich also die Helligkeit in der »schwarzen Box« aus Kapa-Platten regeln. Im Studio geht das noch einfacher.

Kamera auf einem soliden (!) Stativ montiert und alles manuell eingestellt (ich kann mit Automatiken und Programmen nicht umgehen). Das geht übrigens auch mit filmbasierten Kameras. Du siehst, es ist keine Funktion der Kamera (ich mag keinen Firlefanz), sondern das Wissen über Licht und Physik. Ich habe eine ganz normale, grosse Digitalkamera verwendet — die Marke spielt dabei keine Rolle. Es hätte auch eine meiner Grossformatkameras oder eine uralte Kodak Box oder Agfa Klack sein können — die Kamera muss nur mechanisch zu bedienen sein und eine feste Verbindung zum Stativ haben. Automatiken, »KI« oder Algorithmen sind dabei eher hinderlich. AF ist ebenfalls eher schädlich als hilfreich. Während der Aufnahmen sollte man weder die Zeit noch die Blende ändern.

In diesem Zusammenhang: Die Belichtung muss sehr genau sein. Ideal ist ein Handbelichtungsmesser, oder man macht ein paar Aufnahmen mit der Belichtungsmessung der Kamera, bis die weissen Partien noch Zeichnung haben und nicht überstrahlen (dafür ist das kleine Mäusekino hinten an den Dingern dran). Immer die kleinstmögliche Blende wählen.

Dann habe ich den Fokus auf die vorderen Staubblätter gestellt, ausgelöst, den Fokus wieder etwas weiter nach hinten gelegt, ausgelöst… Das ganze 6 Mal, da ich bei f=16 rund 13 mm Schärfentiefe hatte, reichte das vollkommen aus.

Entwicklung/Konvertierung dann 1:1 (ohne Adobe- oder sonstige Hype-Produkte). In PL mit der Funktion »Focus Stacking« geladen und rechnen lassen. Das ist das ganze Geheimnis.

Image

Vor zwei Jahren hatte ich einen Berglauch (Allium lusitanicum) bei mir im Garten mit gleicher Methode aufgenommen — damals noch ohne Focus Stacking:

Image

Eine grössere Version gibt es hier: https://freeimage.host/i/o5nqqN

Dort sieht man sehr schön den Schärfebereich und die Partien, die ausserhalb liegen.
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gerryW
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Re: Focus Stacking

Post by gerryW »

Top Fotos! :D
Sehr detailiert erklärt und einfach nachvollziebar.
Hört sich aber aufwändiger an als es ist. Wenn man das im eigenen Garten macht, hat man sowieso alles notwendige im Haus.

Komisch das gleich jemand nach einer "Automatik" in der Kamera und die "richtige" Kamera dafür fragt und sowas mit einem "Klick" machen möchte. Dabei ist es ganz simpel - einfach nur Fotografieren lernen, schon weiss man wie es geht. :wink:

Jetzt müsstest Du nur noch erklären wie man das auch ohne Stacking hinbekommt . . .
aber das wäre ein anderes Thema.

PS: die hier eingestellten Fotos sind genau so groß (1500x1000) wie die über den Link erreichbaren.
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der_fotograf
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Re: Focus Stacking

Post by der_fotograf »

Ohne Focus Stacking:

Mit einer KB Kamera: Auf die Objektmitte fokussieren, dann auf ein vorderes Detail — weil der unmittelbar sichtbare Teil scharf sein soll, was hinten passiert, ist in dem Fall unwichtig. Auf »alten« Objektiven kann man ablesen, wie gross die Distanz von der Mitte bis zur Vorderkante ist, sagen wir mal 15 mm. Oder man misst die Objektdistanz mit einem Massband oder Laser, fängt an zu rechnen (wenn man einen technisch/wissenschaftlichen Taschenrechner hat) oder nimmt eine »App« oder einen Online-Rechner wie z.B. den von Erik Krause: http://www.erik-krause.de/schaerfe.htm, gibt die Daten dort ein und erhält das Ergebnis.

Die Blende sollte dann f=16 sein. Je höher eine Kamera mit Sensor auflöst und je lichtstärker das Objektiv ist, desto problematischer wird die Beugung: Bei 61 MP wird es ab f=8 schon unscharf, d.h. »normale« Kameras mit 24 bis 32 MP und nicht so hoch öffnenden Objektiven sind da klar im Vorteil.

Image

Mit Gross-/Fachkameras gibt es 3 Wege: Abblenden bis f=45 oder f=64 (die Beugungsprobleme wie bei KB greifen wesentlich später oder überhaupt nicht), oder die Schärfe-Ebene in den Raum hineinlegen (Stichwort Scheimpflug, aber die fortgeschrittene Variante). D.h. ich lege den Schnittpunkt auf eine Tiefe von z.B. 200 cm unterhalb der Kamera und habe einen schräg liegenden Schärfekeil, der die gesamte Blüte abdeckt. Oder ich lege die Schärfe-Ebene fast waagerecht in den Raum, dann sind auch weitere Blüten auf der Ebene scharf — bei offener Blende (f=5.6 oder f=8.0). Die Schärfe-Ebene verläuft dann von oben nach unten, der Stängel würde also komplett unscharf werden.

Darstellung der Fotos: ich dachte immer, dass die Fotos hier von der Forensoftware skaliert werden. Wieder was dazu gelernt, danke!
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mzl2000
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Re: Focus Stacking

Post by mzl2000 »

Vielen Dank an „der_fotograf“ für die sachlichen Antworten auf meine Fragen!
Deine detaillierten Darstellungen (Skizze, Formeln, Screenshots) mit einer guten und flüssigen Erläuterung sind hilfreich und informativ. Mir gefallen auch die Rechenbeispiele und physikalischen Hintergründe sehr gut. Man bekommt dadurch das nötige Verständnis in der Tiefe und Ideen für eigene Fotos. Dass man ohne Spezialkameras und komplexen technischen Aufwand solche Ergebnisse erzielt, freut mich.

Schön, dass Du Dein Expertenwissen und Deine Erfahrungen hier teilst!

Viele Grüße
Burkhard
derpeter
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Joined: Fri 19 Jul 2019 10:22

Re: Focus Stacking

Post by derpeter »

Die vom Fotografen eingestellten, schönen Bilder sind hier verschwunden!
Warum??? :(
Martin Huber
Entwickler
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Joined: Tue 19 Nov 2002 15:49

Re: Focus Stacking

Post by Martin Huber »

derpeter wrote: Fri 29 Oct 2021 09:39 Die vom Fotografen eingestellten, schönen Bilder sind hier verschwunden!
Warum??? :(
Er wird sie wohl gelöscht haben.

Martin
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der_fotograf
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Joined: Mon 05 Dec 2016 08:33

Re: Focus Stacking

Post by der_fotograf »

Die Bilder sind verschwunden, weil ich sie aus Protest gelöscht habe.

Du kannst sie aber in meinem Blog finden, wenn Du Dich hier anmeldest: tinyurl.com/3sdd66jh
Stichwort PhotoLine und Deinen Alias hier.
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